Jahrbuch Sucht 2015

Drogensituation in Deutschland. Viel Schatten, wenig Licht

Die im letzten Jahr wieder gestiegene Zahl der Drogentoten ist längst nicht die einzige schlechte Nachricht, die Suchtexperten derzeit verkünden müssen. Denn häufig wird übersehen, dass durch Alkohol- und Tabakkonsum über 100 Mal so viele Menschen sterben wie durch illegale Drogen. Hinzu kommen Probleme mit Crystal Meth. Auch ist im geplanten Präventionsgesetz keine Suchtprävention aus einem Guss erkennbar. Ein Hoffnungsschimmer ist das gut ausgebaute Suchthilfesystem in Deutschland. Tausende Tote durch legale und illegale Drogen jährlich 2014 wurden 1.032 Drogentote gezählt, durchschnittlich sind dies 3 pro Tag. Nicht eingerechnet werden in Deutschland die jährlich 74.000 Drogentoten durch Alkohol oder durch den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak. Das sind täglich 200 Menschen. Hinzu kommt: An den Folgen des Rauchens allein sterben jedes Jahr zwischen 100.000 und 120.000 Menschen, also knapp 300
Menschen pro Tag und somit das Hundertfache der vielgenannten „Rauschgiftopfer“. Alkohol und Tabak sind und bleiben die Drogen mit dem größten Schadenspotenzial. Methamphetamine („Crystal Meth“) – ein besonderes Problem in Bundesländern, die an Tschechien grenzen Das zu den synthetischen Drogen gehörende Methamphetamin („Crystal Meth“) ist eine billige und schnell wirksame, bei regelmäßigem Konsum sehr gesundheitsschädliche Droge, die vergleichsweise schnell psychisch abhängig macht. Vor allem in den an Tschechien angrenzenden Regionen ist Crystal ein ernstes Problem. Bis zu einem Drittel mehr Ratsuchende wegen Crystal Meth in der Suchtberatung stellen die Mitarbeitenden der Suchthilfe vor große Herausforderungen. Als Reaktion auf diesen Trend reichen Strafverfolgung und Plakataktionen nicht aus!

Jeder Bundesdeutsche konsumiert im Schnitt mehr als 1.000 Zigaretten pro Jahr - die E-Zigarette kann neue „Einstiegsdroge“ für Jugendliche sein
Der Konsum von Tabak bleibt weiter auf bedenklich hohem Niveau. Allein 2014 wurden knapp 80 Mrd. Fertigzigaretten geraucht. Das heißt: Jeder Bundesbürger
- vom Baby bis zum Greis - hat statistisch betrachtet 1.000 Zigaretten geraucht. Insgesamt knapp 40 Mrd. selbstgedrehte Zigaretten noch nicht mitgerechnet!
Andere europäische Länder reagieren auf das hohe Konsumniveau mit weiterreichenden Regulierungen. Nach Großbritannien und Irland hat auch Frankreich ab 2016 neutrale Verpackungen für Zigarettenschachteln angekündigt. Auch bei der Abschaffung von Zigarettenautomaten hinkt Deutschland dem Trend in Europa hinterher: Von den eine Million Zigarettenautomaten in der EU stehen über 400.000 in Deutschland. Zumindest bei Kindern und Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren positive Entwicklungen gezeigt. Ihre Raucherquote ist heute deutlich geringer als vor 15 Jahren. Aber die E-Zigarette, die bislang nicht dem  Jugendschutz unterliegt, kann diesen Trend umkehren: Kinder und Jugendliche üben mit den vermeintlich harmlosen Produkten das Rauchritual ein. Das kann der erste Schritt vom Konsum nikotinfreier Produkte mit Süßwarenaromen und anderen kinderfreundlichen Geschmacksrichtungen zu nikotinhaltigen E-Zigaretten und letztendlich auf herkömmliche Tabakzigaretten sein.


Prävention ist wichtig, doch die Politik bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück
Die Zahlen zu Suchtmittelkonsum und -gefährdung legen nahe, dass Deutschland ein effektives Präventionsgesetz braucht, in dem die Alkohol- und Tabakprävention oberste Priorität hat. Doch das ist im Gesetzentwurf nicht erkennbar. Erfolgreiche Suchtprävention muss sowohl die individuelle Person als
auch deren Lebensbedingungen berücksichtigen. Das heißt: Verhaltens- und Verhältnisprävention müssen flächendeckend und kontinuierlich eingesetzt
werden, damit Deutschland endlich die internationalen Spitzenplätze im gesundheitsschädlichen Konsum legaler Drogen verlässt. Ein Präventionsgesetz
aus einem Guss ist nötig. Lichtblick Beratung und Behandlung in Deutschland – differenziert und flächendeckend wie in keinem anderen Land!
Die Nachfrage zur Behandlung steigt. Deutschland verfügt über ein ausgezeichnetes Hilfesystem – von Prävention über Beratung und Behandlung
bis hin zur Nachsorge und Selbsthilfe. Kernstück der Hilfen sind dabei die ca. 1.300 Suchtberatungs- und Behandlungsstellen, etwa 300 psychiatrische
Institutsambulanzen, rund 800 Einrichtungen der Eingliederungshilfe sowie rund 500 (ganztags) ambulante und 320 stationäre Therapieeinrichtungen und 8.000
Sucht-Selbsthilfegruppen. Doch die Anforderungen und der Bedarf steigen. Die 3 größte Nachfrage nach Suchtbehandlung oder -beratung besteht in Deutschland nach wie vor im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch. Viele Einrichtungen der Suchthilfe begegnen daneben zum Beispiel auch der wachsenden Anzahl hilfesuchender Cannabiskonsumenten/-innen und deren Angehörigen mit guten Konzepten und Erfolgen. Zur Sicherstellung der Versorgung gehört jedoch eine gesicherte Finanzierung: Insbesondere die Förderung der Beratungsstellen ist abhängig von Budgets der Kommunen und seit Jahren nicht mehr der
Kostenentwicklung angepasst. Die Struktur der Beratungsstellen muss endlich auf eine finanziell gesicherte Basis gestellt werden.

Forderungen
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fordert eine umfassende Präventionsstrategie. Wesentliche Bestandteile zu den legalen Droge Alkohol &
Tabak sind:

  • Konsequenter Jugendschutz und dessen Überprüfung sowie die Aufnahmeder E-Zigaretten im Jugendschutzgesetz
  • Begrenzungen des Verkaufs von Alkohol sowie ein Verbot der öffentlich zugänglichen Zigarettenautomaten und eine Lizenzierung von Tabakverkaufsstellen
  • Effektive gesetzliche Regulierungen der Werbung
  • Maßnahmen zur Früherkennung und Frühinterventionen in der Gesundheitsversorgung
  • Ambulante und stationäre Hilfeangebote brauchen endlich gesicherte Finanzierungen.

Quelle: PM der DHS vom 13.05.2015

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